Landliebe

Monday, August 14, 2006


Es war ein gewagter Sprung: der Abflug aus der Stadt und der Einmarsch ins westfälische Nirwana. Der Menschenschlag dort – eine Zusammenfassung aus allen Vorurteilen. Vordergründig nett und freundlich, hintergründig zugeknöpft und mürrisch. Ein langsames Herantasten. Dauer: bisher vierzehn Jahre. Ende: absehbar (bis maximal zum Rentenalter)
Der angemietete Bauerhof: neben menschlichen Bewohnern (vier Zweibeiner - zwei junge, zwei im Mittelalter) eine geballte Ansammlung von Viechzeugs. Erwünschtes und unerwünschtes. Derzeit tummeln sich auf dem Hof 500 schweinische Untermieter, zwei Pferde, drei erwachsene und zwei Jungkatzen, zwei Hunde, zwei Schafe, Millionen von Heuschrecken in allen Ritzen, Vögel ungekannter Arten, Mäuse, Käfer, Fliegen, Mücken. Ein tierisches Paradies also.
Vor allem, wenn ungeahnt neue Untermieter auftauchen. So wie vor zwei Monaten. Das Laminat im Büro war gerade frisch verlegt, da krabbelte es plötzlich aus den Ritzen. Ameisen. Hundertfach, tausendfach, millionenfach. Ekelhaft! Statt Perserteppich ein krabbelnder Belag. Erste Hilfe war der Staubsauger. Eine Stunde lang ging die Düse. Rechts, links, im Kreis. Die Viecher waren nicht zu besiegen. Krabbelten am Sofa hoch, an der Fensterbank, ins Bücherregal. Das einzige Mittel: Tür zu, ab ins Auto und in den nächsten Drogeriemarkt. Acht Dosen Ködermittel gekauft. Und wieder zurück an den Ort des Grauens. Zunächst mit dem Staubsauger als Waffe in der Hand. Dann mit den Ködern als tödliche Leckerei. Gedacht – gepfiffen. Die Biester kennen sich mit Biowaffen aus. Nicht eine Ameise hat den Köder probiert. Rausgeworfenes Geld. Ebenso wie die Investition in Kiloweise Backpulver. Die chemische Keule in all ihrer Stärke musste her. „Und Sie brauchen ein, zwei Tage Geduld“, meinte der Verkäufer im Landhandel. Na, ich möchte den sehen, der bei einer solchen Insekteninvasion soviel Geduld aufbringen kann. Ich bringe sie nicht auf. Ich kaufe zusätzlich drei weitere Pakete Staubsaugertüten. Und sauge, sauge, sauge, was das Zeug hält.
Und es hat genau einen Tag gedauert, bis das Desaster ein Ende fand. Tote Viecher allüberall. Ausgerottet. Ich bin nicht einmal böse über diesen Vernichtungsschlag. Nur über die Ankündigung unserer bäuerlichen Vermieter: „Im nächsten Jahr sind sie wieder da.“ Sie vielleicht – ich dann nicht mehr wirklich.